Eisenach (21)

Eisenach, die Wartburg-Stadt

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Man muss nur den Lutherrosen durch die Stadt folgen, dann erreicht man alle Lutherstätten. Sie sind fest zementiert, touristen-fest.
Luther und Eisenach – eine Symbiose. In Eisenach gibt es an jeder Ecke etwas mit Luther zu sehen und sei es nur die Luther-Apotheke.
Und doch nennt sich Eisenach überraschenderweise nicht Luther-Stadt, sondern Wartburg-Stadt. So einzigartig war Luther für die Stadt dann doch nicht. Stimmt. Mit der Fokussierung auf Luther hätte man die Anhänger von so manchem anderen historischen VIP vermutlich verärgert. Also die Fans von Johann Sebastian Bach, Heilige Elisabeth, Ernst Abbe, Fritz Reuter, Richard Wagner, Georg Philipp Telemann, Ludwig der Springer, Walter von der Vogelweide, Horst Lippmann, Charlotte von Stein, Hugo Brehme, Erich Windbichler, Christian Kleist, Johann Wolfgang von Goethe. Diesen Damen und Herren fühlt sich jedenfalls der Stadtrat verbunden. Wer die Wahl hat, hat eben auch die Qual.
Luther sah dies eindeutiger: „In Eisenach sitzt nämlich fast meine ganze Verwandtschaft, und ich bin daselbst bei ihr… wohlangesehen, da ich dort vier Jahre lang den Wissenschaften oblag, keine andere Stadt kennt mich besser.“
So gibt es „zwangsweise“ viele Lutherstätten in der Stadt.
Von 1498 bis 1501 besuchte Martin Luther die Eisenacher Lateinschule. Zunächst wohnte er wohl in einer Kammer in der Schule, wie auch andere auswärtige Schüler, dann bei der Familie des Kaufmanns und Ratsmeisters Heinrich Schalbe und erst dann nahm ihn die Patrizierfamilie Cotta auf, die mit seiner Mutter verwandt waren. Deren Haus bezeichnet man heute als Luther-Haus mit Luther-Museum.
1521 predigt Martin Luther auf der Hin- und Rückreise vom Wormser Reichstag gewaltig in der Georgenkirche. Das könnte für jeden Besucher eine historische Begegnung sein: Unter der Kanzel (1676) stehend, auf deren Vorgänger Luther gepredigt hat, den Taufstein im Blick auf dem Johann Sebastian Bach getauft wurde.
Die dreischiffige Basilika St. Nikolai war bis zur Reformation die Pfarrkirche des Benediktinerinnenklosters. Sie wurde um 1180 erbaut und ist das zuletzt entstandene romanische Bauwerk Thüringens. Die kunstvollen Steinmetzarbeiten ähneln denen auf der Wartburg.
Bei der Rückkehr von Worms wurde Martin Luther zum Schein gefangengenommen. Er lebte anschließend zehn Monate bis zum 1. März 1522 inkognito als „Junker Jörg“ auf der Wartburg.
Auch später war Luther häufiger in Eisenach. Zum Beispiel 1529 als er zum Marburger Religionsgespräch reiste, machte er in Eisenach Station. 1540 war er drei Wochen Gast des Superintendenten Justus Menius in dessen Haus am Pfarrberg. Eine architektonische Einheit bildet das Nikolaitor mit der Nikolaikirche. Das Tor passierte Luther stets, wenn er von seinen Reisen in die Stadt kam. Durch dieses Tor wurden allerdings auch im Jahr 1525 während des „Bildersturms“ Mönche und Nonnen aus der Stadt getrieben.
In der Nikolaikirche war ein weitläufiger Verwandter Luthers, Konrad Hutter Küster. Eigentlich wollte der junge Luther bei diesen Verwandten unterkommen, die sich aber aus finanziellen Gründen keinen Gast leisten konnten. Wenige Meter vom Nikolaitor entfernt steht das Lutherdenkmal, 1895 enthüllt. Es zeugt vom damaligen Verständnis der Heldenverehrung. Luther gehörte zu diesen Helden.
Und schließlich noch die Predigerkirche. Einst Teil einer Klosteranlage zu Ehren der Heiligen Landgräfin Elisabeth. Im Verlauf der Reformation wurde das Kloster aufgelöst. In den Klostergebäuden befand sich seit 1544 eine Lateinschule. Umfassend modernisiert und verglast lernt die Jugend Eisenachs heute dort im Martin-Luther-Gymnasium.
Luther sprach allerdings auch davon, dass Eisenach ein Pfaffennest sei. Damit hatte er wohl objektiv recht, denn damals war etwa jeder Zehnte der 3000 Einwohnern ein „Kirchlicher“. Es gab unzählige Klöster, Kirche, Kapellen. Türme bestimmten das Stadtbild und ständig erklang irgendwo eine Glocke. Die wirtschaftliche Blüte war schon längst vorbei, einen neuen Aufschwung ermöglichten die kirchlichen Pfründe nicht. In dem historischen Umfeld leben heute gerade noch 43000 Menschen mit einem deutlichen Abwärtstrend, wie auch bei den Klerikern. Touristen können das nicht ausgleichen, aber zumindest etwas Leben in die Stadt bringen.

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