Erfurt (75)

Erfurt: Die Wissens-Stadt

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Man muss leider so beginnen: Erfurt hat seine beste Zeit hinter sich. Zu Luthers Zeiten war Erfurt Metropole, Bildungszentrum, absoluter Mittelpunkt der aufgeklärten Welt. Deswegen studierte Luther, 17-jährig, ab 1501 in Erfurt, folgte dem exzellenten Ruf der 1392 gegründeten Erfurter Alma mater. Er studiert zunächst Jura, dann als Mönch Theologie – bis 1511.
Auch als Reformator besuchte er die Stadt mehrfach. Die Erfurter Zeit prägte ihn. Später schilderte er in seinen Tischgesprächen, dass ihn ein Erfurter Bürger angesprochen habe: „Es muss eine Änderung werden, und die ist groß; es kann also nicht bestehen.“ Und Luther kommentiert dies sehr selbstbewusst: „Ich meine, es sei geschehen!“ An anderer Stelle bekennt er auch (1513): „Die Erfurter Universität ist meine Mutter, der ich alles verdanke.“
Zur Stadt hatte Luther ein etwas zwiespältiges Verhältnis. Zum einen meldete er recht kritisch an: Erfurt sei „nichts besseres gewesen denn ein hurhauß und bierhauß“ und diesen „zwo lectiones“ wären die Studenten am fleißigsten nachgekommen. Aber man könnte auch durchaus meinen, Luther habe gerne in Erfurt gelebt, wenn er konstatiert: „Erfurt… liegt am besten Ort. Da muss eine Stadt stehen!“ Freunde und Förderer in seiner Erfurter Zeit waren Johann Staupitz und der später als Erfurter Reformator bekannt werdende Johannes Lang. Später als Reformator bekam er nicht von allen Professoren-Kollegen Unterstützung. Manche Erfurter sahen die Entwicklung auch sehr kritisch.
Trotzdem rühmte Luther den Ort als „Erfordia turrita“ – türmereiches Erfurt. Er konnte damals die Türme von 25 Pfarrkirchen, 15 Klöstern und Stiften und 10 Kapellen zählen, eine beeindruckende Zahl der Gotteshäuser. So viele Kirchen brauchen die Erfurter heute nicht mehr. Ungefähr 80 Prozent der Bevölkerung sind ohne alle Religion. Zu den Protestanten zählen sich noch 15%, katholisch sind 5%. Da muss man sich zumindest die Frage stellen, ob heute noch Erfurt eine Stadt der Reformation oder ob alles nur ein historisches Luther-Spektakel ist.
Erfurt hat über 1260 Jahre bewegte Geschichte auf dem Buckel. Damit ist Erfurt eine der ältesten Städte Deutschlands.
Lutherstätten gibt es reichlich. Natürlich das Augustinerkloster. Hier trat Martin Luther am 17.7.1505 ein, durchgeschüttelt nach einem Gewitter bei Stotternheim. Kloster und Klosterkirche sind ein heiliger Ort, in dem man sogar noch übernachten kann. Nach einem Probejahr legte er das Gelübde ab, danach wurde er auf die Priesterweihe vorbereitet. Nicht weit entfernt, die Georgenburse, ein Haus, in dem Martin Luther als Student wohnte. In der Michaeliskirche, im Mittelalter von der Universität genutzt, predigte Luther mehrfach. Besonders beeindruckend ist der Domberg mit dem Mariendom und der Kirche Sankt Severi. In einer Dom-Kapelle empfing Luther Im Frühjahr 1507 von Johannes Bonemilch von Laasphe die Priesterweihe, im „Coelicum“ des Doms hielt er 1509 eine Vorlesung.
Ein besonderer historischer Leckerbissen ist die Engelsburg (um 1125 „Elendsburg“ oder „Elendsburg“, ein Hospital), später Quartier von berühmten Humanisten (Ulrich von Hutten), wo auch Luther mehrfach übernachtete. Beeindruckend auch die Barfüßerkirche. Sie wurde 1944 zerstört, wird bis heute als Ruine gepflegt. Luther predigte auf der Kanzel. Vor der Kaufmannskirche steht ein mächtiges Lutherdenkmal (1899). Innen predigte Luther. An einer Innenwand der Andreaskirche hängt eine hölzerne, farbig gefasste Tafel, auf der Martin Luther als lebensgroßes Relief abgebildet ist, Vorlage für die bronzene Grabplatte Luthers.
Und schließlich noch das Rathaus. Im Korridor im zweiten Geschoss kann man sieben großformatige Wandgemälde ansehen, die Martin Luther und seine Beziehungen zu Erfurt darstellen.
Die Cranachs nicht vergessen. Die schönsten Bilder hängen in Erfurt. „Die Verlobung der Heiligen Katharina“ im nördlichen Seitenschiff von St. Marien, Zwölf Werke allein im Angermuseum.
Aber: Nicht mit Luther übertreiben. Erfurt ist zwar heute nicht mehr Nabel der Welt, aber eine wunderbare Stadt, die man auch einfach so, aus Spaß und Vergnügen, durchwandern kann und dabei einen Rat Luthers befolgen: „Wir müssen zuweilen mehr trinken, spielen, scherzen und so zu Hass und Verachtung des Teufels eine Sünde tun…“

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